Juliane Reckow – Begegnung mit dem Puppenspieler | Frank Hauptvogel
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Begegnung mit dem Puppenspieler

Zu Frank Hauptvogels Bildern

Juliane Reckow, Schriftstellerin / Kunstwissenschaftlerin

 

Das Verhältnis zwischen Schauspiel und wahrhaftem Empfinden ist ein zentrales Thema im Werk des Leipziger Malers und Grafikers Frank Hauptvogel. Dafür kann der Impuls der Werke ein Traum oder Gedanke sein, dessen schemenhafte Welt es zu beleuchten gilt. Die Landschaftsgebilde sind nicht der Realität entnommen, sondern der Phantasie des Malers entsprungen. Nicht selten verweisen sie wie im Theater die Bühnenbilder auf Bevorstehendes oder unterstreichen die Stimmungen, in denen sich die Menschen befinden. Die Landschaften sind die Weltbühne, auf der sich auch die Figur des Puppenspielers bewegt.

So erscheint der Spieler das erste Mal versehrt in grellrotem Hemd in wüster Umgebung, die an einen Kriegsschauplatz, oder eine Müllhalde erinnert. Vom früheren Werk »Zettels Erwachen« ist die Narrenkappe geblieben, die der Spieler nun trägt, während er mit ernster und vorwurfsvoller Miene dem Betrachter entgegenblickt. Was war geschehen? Zertrümmerte Figuren umgeben ihn, über ihnen hat sich der Himmel zugezogen. Es entsteht eine Endzeitstimmung, in welcher der Spieler sein Spiel aufgegeben hat.

Im nächsten Bild wird er auf eine Bühne gezerrt, um weiterzuspielen. Regungslos lässt sich der Spieler das gefallen und setzt sein Spiel in den folgenden Werken fort, als eine neue Figur im Bild erscheint. Am Beispiel des Puppenspielers erkennt man einen Fortlauf in den Bildern des Künstlers, der von der Leipziger Schule geprägt ist. In der Fachklasse für Malerei entwickelte er unter Arno Rink seinen freien Umgang mit Themen und den hohen Anspruch an figürlicher Darstellung. Die Menschen zeigt der Maler in Kleidung, die an Kostüme einer anderen Zeit erinnern. Kostüme, die womöglich den Anstand verraten, einer Gesellschaft gerecht zu werden und sich in festlicher Kleidung zu wahren. Doch in noch so feinen Stoffen kann man stürzen und zum Narren werden. Immer wieder scheint ein Ausbrechen in uferlosen Weiten schwer möglich zu sein. Die Menschen tragen eine Aufgabe in sich und folgen ihr beharrlich. Nicht selten, um sich vom Kummer abzulenken und ihre Sorgen zu kompensieren. So springt ein junger Mann im Bild mit konzentriertem Blick Seil. Die Verbände sowohl an Hand- und Fußgelenken weisen darauf hin, dass er diese Betätigung schon seit langer Zeit ausübt.

Das Leben wird zum Theater, in dem die Spieler ihre Rollen mit Fassung tragen wollen und die Rettung sich in ihrer Menschlichkeit präsentiert. Denn gerade diese ist es, die unter dem Korsett hervorschimmert und an den Betrachter appelliert: In jedem Menschen steckt die Unvollkommenheit. Sei es der Versuch, zu zaubern, oder sich der Liebe zu ergeben: Leben heißt, den Versuch zu unternehmen, sich selbst verständlich zu machen.

Wenn die Figuren nicht um Haltung bedacht sind, tanzen die Narren über die Bühne und verweisen auf die auferlegten Pflichten, denen manche Figuren sich nicht fügen wollen.

So ist zwar das Kostüm angelegt, doch fehlt ein Hosenbein, oder das Hemd schaut unter der Weste hervor. Ein ewiger Kampf zwischen Ordnung und wilder Phantasie tanzt durch die Reihen. Doch nur mit der Ordnung lässt sich die Phantasie begreifen und nur mit der Phantasie die Ordnung ertragen. Es ist ein Widerspruch, der einen aufatmen lässt und all jene Gedanken erbaut, die nach den Träumen der Figuren fragen. Dabei sind Blicke suchend oder wartend, fordernd oder neugierig. Sie schleppen sich dahin, tanzen ein wenig oder bemühen sich, ihre Aufgabe nicht zu verlieren, um dem Kreislauf standzuhalten. Wohlwollend, statt verurteilend erblickt der Betrachter die Figuren und erahnt manchmal ihr Scheitern. Doch im Bild verharrend bleibt das Warten gegenwärtig. Man bleibt geduldig und erblickt dabei das Allzumenschliche. In ihm verstecken sich die Wunder und der Zauber, mit der die Welt umspielt wird. Spricht man vom Surrealismus, so ist ganz nach dieser Wortschöpfung in den Bildern wahrlich etwas, dass über dem Realismus zu schweben scheint. Es ist der Kopf des Malers, aus dem die Figuren spazieren und sich mustern und betrachten. Sie entstehen auf keinen Vorskizzen, sondern direkt auf der Leinwand und werden manchmal verworfen, um anderen Figuren Platz zu machen. Steht man ihnen gegenüber, erkennt man in ihnen die wundersamen Wesen, die auf der Suche vom Maler festgehalten wurden.

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