Andreas Montag – Magische Fantasie | Frank Hauptvogel
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Magische Fantasie

Frank Hauptvogels Bilder sind ebenso beunruhigend wie großartig

Andreas Montag, Schriftsteller, Redakteur Kultur Mitteldeutsche Zeitung

 

Mitteldeutsche Zeitung 02.03.17

Leipzig –

Das Bild, an dem er gerade arbeitet, zeigt im Vordergrund einen Puppenmacher. Konzentriert ist der Mann bei der Sache, neben ihm liegen zwei weitere Puppenköpfe ohne Rumpf – so realistisch sind die Gesichter mit ihren großen, staunenden Augen, dass der Blick unwillkürlich auf ihnen verharrt. Kinderköpfe, es sind die Köpfe von Kindern, drängt sich beklemmend auf, obwohl die Szene doch eindeutig ist.

Lust am Vieldeutigen

Das gehört zu den Besonderheiten des Malers Frank Hauptvogel, ein magischer Realist und fantastischer Provokateur ist er. Ein Mann, den seine handwerkliche Meisterschaft, aber ebenso seine Lust am Vieldeutigen, Unsagbaren auszeichnen. Vor Hauptvogels Arbeiten, Zeichnungen wie Gemälden, wird man nicht anbetend stehen wie es einem in Betrachtung impressionistischer Schönheit geschehen kann, aber sie haben einen solchen Groove, dass man sich ihnen schwerlich entziehen kann.

Fast immer ist ein Blick in den Abgrund mitgedacht – spielerisch, wie es das Privileg der Kunst ist, doch auch in unmissverständlicher, bezwingender Wahrhaftigkeit. Eine Wanderung durch die Territorien der eigenen Seele wird fällig, um sich ein eigenes Bild von diesen Bildern machen zu können.

Das ist unbequem, dieser Rezeptionsvorgang reibt sich an Sehgewohnheiten, die, ob man es wahrhaben will oder nicht, zunehmend von den schnellen, wohlfeilen Bildern aus der digitalen Wirklichkeit geprägt werden. Man wird sich vielleicht erschrocken abwenden mögen – und doch zurückkehren zu Hauptvogels Sujets. Die sind zu Hause in märchenhaft anmutenden Theaterlandschaften, aber eben nicht so wohlig entrückt, um selber draußen zu bleiben.

Besucher des Neuen Theaters in Halle werden in den zurückliegenden Wochen ihre eigenen Erfahrungen mit diesen Bildern gemacht haben, „zu den Gärten“ heißt die erfolgreiche Schau. Am Freitag um 18 Uhr geht sie mit einem Künstlergespräch zu Ende, an dem neben Frank Hauptvogel sowie dem Autor Ralf Meyer auch der hallesche Maler Uwe Pfeifer teilnehmen werden. Und vom 11. März an (bis zum 23. April) wird vom Anhaltischen Kunstverein in der Orangerie des Schlosses Georgium in Dessau eine weitere Schau mit den großartigen Bildern von Frank Hauptvogel gezeigt.

Im Gestus zuweilen an den melancholisch verrätselten, oft aber auch neoromantisch-pathetisch überhöhten Stil seines Leipziger Künstlerkollegen und ehemaligen Kommilitonen Neo Rauch erinnernd, tritt aus Hauptvogels Werken indes verstärkt eine anhaltende, pulsierende Beunruhigung hervor. Darauf muss man sich einlassen, das ist der Preis, den der Betrachter zahlt. Und sein Gewinn.

Wert der Arbeit und des Lebens

Geboren wurde der Maler im Jahr 1959 in der Lutherstadt Eisleben. Ein Lehrerkind, obendrein früh von der Kunst fasziniert, das einstweilen seinen Platz im „roten Mansfeld“ finden musste. Das ist gut gegangen, der Junge wurde früh gefördert, im Elternhaus und auch in ambitionierten Zirkeln. Die Berufsausbildung mit Abitur hat ihn ins Hüttenkombinat geführt. Erfahrungen, die mit dem Wert der Arbeit und des Lebens zu tun haben, werden geblieben sein, unmittelbare, thematische Konsequenzen für sein Schaffen gibt es wohl nicht. Hauptvogel hat nach dem Armeedienst an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert. Arno Rink war sein Professor, später auch noch im Meisterschülerstudium, das Hauptvogel 1990 abschloss – mithin ein legitimer Sohn der Leipziger Schule.

Freischaffend seit 1988, hat Hauptvogel jahrelang für das Theater gearbeitet. Jetzt, wieder allein der Kunst und sich selbst verpflichtet, scheint sich diese Zeit durch gewonnene Reife und Distanz auszuzahlen, an Leidenschaft und Gestaltungswillen hat es dem Mann ohnehin nie gefehlt. Sein theatraler Kosmos, die Weltbühne, wird von fantastisch realen Wesen besiedelt, die stets auch im Surrealen beheimatet sind.

Das wiederkehrende Narrenmotiv spricht dafür, mehr aber noch Wesen wie jenes, halb Puppe halb Kind, das in unheimlich anmutendem, verinnerlichtem Ernst in eine Zukunft zu blicken scheint, die wohl die unsere ist. Und statt der Knie blicken künstliche Gelenke unter den kurzen Hosen hervor.

Die Finissage im Saalfoyer des Neuen Theaters Halle beginnt am Freitag um 18 Uhr, der Eintritt ist frei. (mz)

– Quelle: http://www.mz-web.de/25948202 ©2017

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